Winterreifen und ihre Kennzeichnung

Alpine-Symbol, M+S und die Pflicht, die am Wetter hängt

Zwei Zeichen auf der Flanke sehen gleichwertig aus, sind es aber nicht: Eines ist geprüft, das andere nur aufgedruckt. Dazu die Frage, ab wann Winterreifen überhaupt vorgeschrieben sind – die Antwort steht nicht im Kalender.

Zwei Kennzeichnungen, nur eine zählt

Auf Winterreifen finden sich zwei Zeichen, die oft für gleichwertig gehalten werden. Sie sind es nicht.

M+S und Alpine-Symbol im Vergleich
KennzeichnungBedeutungGeprüft?
M+SMatsch und Schnee, eine Angabe des Herstellersnein
3PMSF – Berg mit SchneeflockeWintereignung nach genormter Prüfung auf Schneeja

Weil M+S ohne Prüfung aufgebracht werden kann, trugen es früher auch Reifen, die auf Schnee wenig ausrichteten. Das Alpine-Symbol schließt diese Lücke: Es wird nur vergeben, wenn der Reifen eine Prüfung bestanden hat. Wer heute Winterreifen kauft, achtet auf den Berg mit der Schneeflocke – der M+S-Schriftzug daneben ist Beiwerk.

Die Pflicht hängt am Wetter, nicht am Kalender

In Deutschland gilt eine situative Winterreifenpflicht. Sie greift nicht ab einem Datum, sondern bei winterlichen Straßenverhältnissen: Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte. Liegen diese Bedingungen vor, sind geeignete Reifen vorgeschrieben – liegen sie nicht vor, darf auch im Januar mit Sommerreifen gefahren werden.

Die Merkregel „von O bis O", Oktober bis Ostern, ist deshalb keine Vorschrift, sondern ein praktischer Rat: Wer in diesem Zeitraum gewechselt hat, wird von einem Wetterumschwung nicht überrascht.

Zu beachten ist außerdem, dass ein Verstoß nicht nur ein Bußgeld nach sich ziehen kann, sondern im Schadensfall auch Fragen zur Versicherung aufwirft. Wie das im Einzelfall ausgeht, ist eine Rechtsfrage und keine Rechenfrage.

Der Geschwindigkeitsindex im Winter

Für Winterreifen gilt eine Ausnahme: Sie dürfen einen niedrigeren Geschwindigkeitsindex tragen, als in den Papieren steht, wenn im Sichtfeld des Fahrers dauerhaft auf die dann geltende Höchstgeschwindigkeit hingewiesen wird – üblicherweise mit einem Aufkleber am Armaturenbrett.

Die Ausnahme betrifft nur die Geschwindigkeit. Beim Tragfähigkeitsindex gibt es sie nicht: Ein Winterreifen darf langsamer freigegeben sein, aber nicht schwächer.

Warum Winterreifen oft schmaler gewählt werden

Eine schmalere Lauffläche drückt mit höherem Flächendruck auf die Fahrbahn und gräbt sich besser durch Schnee. Dazu kommt die höhere Flanke einer kleineren Felge, die Schlaglöcher und Bordsteine im Winter gnädiger nimmt.

Beides sind gute Gründe – sie machen die Größe aber nicht zulässig. Ob die schmalere Kombination gefahren werden darf, entscheiden die Fahrzeugpapiere. Und beim Wechsel auf eine andere Größe ändert sich der Abrollumfang, was wiederum den Tacho betrifft.

  • Größe in den Papieren oder in einer Freigabe prüfen.
  • Tragfähigkeitsindex mindestens so hoch wie eingetragen.
  • Geschwindigkeitsindex niedriger nur mit Hinweis im Sichtfeld.
  • Abrollumfang der Winterkombination gegen die Sommergröße rechnen.
  • Alpine-Symbol auf allen vier Reifen, nicht nur auf zweien.

Was einen Winterreifen technisch ausmacht

Der Unterschied steckt in der Mischung und im Profil. Die Gummimischung eines Winterreifens bleibt bei Kälte elastisch, während ein Sommerreifen unterhalb von etwa sieben Grad merklich härter wird und Haftung verliert – auf trockener Straße genauso wie auf nasser.

Dazu kommen die Lamellen: feine Einschnitte in den Profilblöcken, die sich beim Abrollen öffnen und verzahnen. Auf Schnee greift Schnee am besten an Schnee, und genau das leisten die Lamellen – sie halten verdichteten Schnee fest, der dann auf der Fahrbahn greift.

Beides erklärt, warum der Vorteil nicht erst bei Schnee beginnt. Die Sieben-Grad-Marke ist eine grobe Faustregel und kein Schaltpunkt, aber sie trifft den Kern: Entscheidend ist die Temperatur, nicht der Anblick der Straße.

Ganzjahresreifen: für wen sie aufgehen

Ein Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol erfüllt die winterlichen Anforderungen und erspart zweimal im Jahr Werkstatt und Einlagerung. Der Preis dafür ist Leistung an beiden Enden der Skala.

Wann welche Lösung passt
SituationEher zwei SätzeEher Ganzjahresreifen
Fahrleistunghochgering
GegendMittelgebirge, Alpenmildes Flachland, Stadt
Autobahnanteilhochniedrig
Stellplatz für den zweiten Satzvorhandennicht vorhanden
Fahrzeugschwer, stark motorisiertklein, leicht

Die Rechnung mit den Kosten geht selten so klar auf, wie sie wirkt: Zwei Sätze halten jeweils etwa doppelt so lange, weil jeder nur ein halbes Jahr läuft. Was wirklich gespart wird, sind Wechsel, Lagerung und der Platz – nicht der Gummi.

Der Wechsel und was dabei zu tun ist

  • Position der Räder notieren, damit der geplante Tausch im Frühjahr möglich ist.
  • Radschrauben mit dem vorgeschriebenen Drehmoment anziehen – zu fest ist so schädlich wie zu locker.
  • Nach etwa 50 bis 100 Kilometern nachziehen lassen.
  • Luftdruck neu einstellen, nicht den Wert vom Vorjahr übernehmen.
  • Bei direkt messenden Kontrollsystemen die Sensoren anlernen beziehungsweise das System zurücksetzen.
  • Profiltiefe und DOT-Nummer beim Einlagern notieren – die Kaufentscheidung fällt dann im Sommer statt im ersten Frost.

Andere Länder, andere Regeln

Wer über die Grenze fährt, verlässt die situative Regel. Mehrere Nachbarländer arbeiten mit festen Zeiträumen, mit Streckenvorgaben oder mit einer Pflicht, Ketten mitzuführen – teils abhängig von der Region und von Beschilderung an der Strecke.

Die Unterschiede sind zu groß und ändern sich zu oft, als dass eine Aufzählung hier verlässlich bliebe. Vor einer Winterreise in die Alpen oder nach Osteuropa lohnt der Blick auf die aktuellen Angaben eines Automobilclubs oder der jeweiligen Behörde – und der ins eigene Handschuhfach, ob die Papiere zur montierten Größe passen.

Die Winter- und die Sommergröße nebeneinander rechnen: zum Reifenrechner. Passende Größen zur vorhandenen Winterfelge findet die Suche nach Alternativgrößen.

Häufige Fragen

Gibt es in Deutschland eine Winterreifenpflicht nach Datum?

Nein. Die Pflicht ist situativ: Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte darf nur mit geeigneten Reifen gefahren werden. Die verbreitete Merkregel von Oktober bis Ostern ist eine Faustregel für die Praxis, keine Vorschrift.

Reicht die M+S-Kennzeichnung noch?

M+S allein genügt heute nicht mehr. Maßgeblich ist das Alpine-Symbol – der Berg mit der Schneeflocke, kurz 3PMSF. Anders als M+S, das der Hersteller ohne Prüfung aufbringen kann, steht dahinter eine bestandene Prüfung auf Schnee.

Darf ich Winterreifen in einer anderen Größe fahren?

Nur wenn die Größe für das Fahrzeug freigegeben ist – das steht in der Zulassungsbescheinigung, der CoC-Bescheinigung oder einem Gutachten. Häufig wird für den Winter eine schmalere Größe auf kleinerer Felge gewählt; erlaubt ist sie deshalb nicht automatisch.

Sind Ganzjahresreifen ein Kompromiss oder eine Lösung?

Beides, je nach Einsatz. Ein Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol erfüllt die Winteranforderung und erspart das Wechseln. Er bleibt aber in beiden Extremen unterlegen: bei Hitze und hohem Tempo dem Sommerreifen, bei Schnee und Kälte dem Winterreifen. Für wenige Kilometer im milden Flachland eine sinnvolle Wahl, für Gebirge oder viel Autobahn eher nicht.