Tragfähigkeitsindex
Der Tragfähigkeitsindex ist die unscheinbarste Angabe auf der Flanke und die einzige, bei der ein kleinerer Wert nicht nur anders, sondern schlechter ist. Diese Seite enthält die vollständige Tabelle und die beiden Bedingungen, unter denen sie überhaupt gilt.
Eine Kennzahl, keine Kilogramm
Die Zahl vor dem Geschwindigkeitsbuchstaben – die 91 in 205/55 R16 91V – ist der Tragfähigkeitsindex, auch Lastindex oder Load Index genannt. Sie ist keine Kilogrammangabe, sondern ein Verweis auf eine genormte Tabelle. 91 heißt 615 Kilogramm je Reifen; 92 heißt 630, nicht 616.
Der Wert gilt je Reifen, nicht je Fahrzeug, und er gilt unter zwei Bedingungen: beim vorgeschriebenen Luftdruck und bis zu der Geschwindigkeit, für die der Reifen freigegeben ist. Beide Bedingungen stehen selten dabei, entscheiden aber darüber, ob die Zahl im Alltag zutrifft.
Warum vier mal 615 Kilogramm keine Reserve von 2460 sind
Vier Reifen mit Index 91 tragen rechnerisch 2460 Kilogramm. Das zulässige Gesamtgewicht eines Mittelklassewagens liegt weit darunter, und trotzdem ist die Differenz keine frei verfügbare Reserve. Beim Bremsen verlagert sich Last nach vorn, in der Kurve nach außen, und beim Überfahren einer Kante trägt kurzzeitig ein einzelner Reifen ein Vielfaches seines Ruheanteils.
Genau dafür ist der Abstand da. Wer ihn aufbraucht, indem er einen Reifen mit kleinerem Index montiert, verliert nicht die Reserve für den Normalfall, sondern die für den Ausnahmefall – und der Ausnahmefall ist die Situation, in der ein Reifen versagt.
Die vollständige Tabelle
Die Reihe umfasst die Indizes 50 bis 130. Sie steigt nicht in gleichen Schritten: Zwischen zwei benachbarten Werten liegen im unteren Bereich wenige Kilogramm, im oberen deutlich mehr.
| Index | kg | Index | kg | Index | kg | Index | kg |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 50 | 190 | 71 | 345 | 92 | 630 | 113 | 1150 |
| 51 | 195 | 72 | 355 | 93 | 650 | 114 | 1180 |
| 52 | 200 | 73 | 365 | 94 | 670 | 115 | 1215 |
| 53 | 206 | 74 | 375 | 95 | 690 | 116 | 1250 |
| 54 | 212 | 75 | 387 | 96 | 710 | 117 | 1285 |
| 55 | 218 | 76 | 400 | 97 | 730 | 118 | 1320 |
| 56 | 224 | 77 | 412 | 98 | 750 | 119 | 1360 |
| 57 | 230 | 78 | 425 | 99 | 775 | 120 | 1400 |
| 58 | 236 | 79 | 437 | 100 | 800 | 121 | 1450 |
| 59 | 243 | 80 | 450 | 101 | 825 | 122 | 1500 |
| 60 | 250 | 81 | 462 | 102 | 850 | 123 | 1550 |
| 61 | 257 | 82 | 475 | 103 | 875 | 124 | 1600 |
| 62 | 265 | 83 | 487 | 104 | 900 | 125 | 1650 |
| 63 | 272 | 84 | 500 | 105 | 925 | 126 | 1700 |
| 64 | 280 | 85 | 515 | 106 | 950 | 127 | 1750 |
| 65 | 290 | 86 | 530 | 107 | 975 | 128 | 1800 |
| 66 | 300 | 87 | 545 | 108 | 1000 | 129 | 1850 |
| 67 | 307 | 88 | 560 | 109 | 1030 | 130 | 1900 |
| 68 | 315 | 89 | 580 | 110 | 1060 | ||
| 69 | 325 | 90 | 600 | 111 | 1090 | ||
| 70 | 335 | 91 | 615 | 112 | 1120 |
XL, RF und Reinforced
Ein Reifen mit dem Zusatz XL oder RF ist verstärkt ausgeführt und trägt in derselben Größe mehr als die Standardversion – aber nur bei dem höheren Luftdruck, für den er ausgelegt ist. Der Zusatz allein bewirkt nichts; die Tragfähigkeit steckt im Zusammenspiel aus Bauart und Druck.
Deshalb ist der Wechsel von einem XL-Reifen auf einen Standardreifen derselben Größe kein reiner Preisunterschied: Steht in den Papieren ein Index, den nur die verstärkte Ausführung erreicht, ist die Standardversion die falsche Wahl, obwohl die Größenangabe identisch aussieht.
Was beim Größenwechsel zu prüfen ist
- Der Index der neuen Größe ist gleich oder höher als der eingetragene – nie niedriger.
- Der zur Größe passende Luftdruck steht in der Betriebsanleitung oder auf dem Aufkleber in der Tankklappe oder am Türholm.
- Bei einem Wechsel auf eine breitere oder höhere Größe ändert sich der nötige Druck oft mit; die alte Tabelle gilt dann nicht mehr.
- Winterreifen dürfen beim Geschwindigkeitsindex abweichen, bei der Tragfähigkeit nicht.
Der Rechner auf dieser Website vergleicht die Indizes automatisch, wenn
sie mit eingetippt werden – also 205/55 R16 91V statt nur
205/55 R16. Trägt die neue Größe weniger, steht das als
Hinweis beim Ergebnis und nicht irgendwo in einer Zeile weiter unten.
Wie der Index an das Fahrzeug kommt
Der Hersteller kennt die zulässige Achslast. Aus ihr folgt, was ein einzelner Reifen tragen können muss – und weil sich Last beim Bremsen und in der Kurve verlagert, wird nicht knapp gerechnet, sondern mit Abstand. Der so ermittelte Wert landet als Index in den Papieren.
Deshalb ist der eingetragene Index kein Vorschlag. Er ist das Ergebnis einer Rechnung, deren Eingangsgrößen – Achslast, Schwerpunkt, Bremsverzögerung – dem Käufer eines Reifensatzes nicht vorliegen. Wer ihn unterschreitet, korrigiert eine Rechnung, die er nicht kennt.
Die Zwillingsbereifung und ihr zweiter Wert
Bei Transportern steht auf der Flanke oft 109/107R. Die
erste Zahl gilt, wenn je Radnabe ein Reifen läuft, die zweite bei zwei
nebeneinander. Zwei Reifen tragen zusammen weniger als das Doppelte
eines einzelnen, weil sich die Last nie exakt hälftig verteilt: Fahrbahn
und Beladung sorgen dafür, dass einer der beiden mehr abbekommt.
Der Abstand zwischen beiden Zahlen ist der Sicherheitsabschlag für genau diesen Umstand. Wer bei Zwillingsbereifung mit dem höheren Wert rechnet, rechnet mit einer Reserve, die es nicht gibt.
Ein Rechenbeispiel
Ein Kombi hat eine zulässige Achslast von 1.100 Kilogramm an der Vorderachse. Je Reifen sind das 550 Kilogramm im Stand. Eingetragen ist ein Index von 91, also 615 Kilogramm.
Der Abstand von rund 65 Kilogramm sieht großzügig aus. Beim Bremsen wandert jedoch Last nach vorn, in der Kurve zusätzlich nach außen, und beide Effekte treffen sich im kurvigen Bremsen auf einem einzigen Rad. Genau dort wird der Abstand verbraucht, den die Rechnung im Stand als Überschuss ausweist.
Ein Index 87 mit 545 Kilogramm läge im Stand ebenfalls über den 550 Kilogramm – und wäre trotzdem der falsche Reifen, weil der Ausnahmefall dann keinen Puffer mehr hat.
Wo der Index sonst noch auftaucht
- Auf der Reifenflanke, direkt vor dem Geschwindigkeitsbuchstaben.
- In der Zulassungsbescheinigung Teil I, Felder 15.1 und 15.2, als Teil der vollständigen Größenangabe.
- In der CoC-Bescheinigung bei den freigegebenen Kombinationen.
- In Teilegutachten für Zubehörräder, oft mit Auflagen zum Mindestindex.
Stimmen Flanke und Papiere nicht überein, entscheidet nicht der Reifen, sondern das Papier. Und wenn das Papier einen höheren Wert nennt als der montierte Reifen leistet, ist die Sache eindeutig – unabhängig davon, wie lange die Kombination schon gefahren wird.
Beide Größen mit Index eingeben und den Unterschied sehen: zum Reifenrechner. Wie sich die übrigen Angaben auf der Flanke lesen, steht unter Reifengröße lesen.
Häufige Fragen
Darf der neue Reifen einen höheren Tragfähigkeitsindex haben?
Ja. Ein höherer Index bedeutet nur, dass der Reifen mehr tragen darf, als er muss. Er ist meist etwas steifer, was sich im Komfort bemerkbar machen kann, aber zulässig ist er. Umgekehrt gilt das nicht: Ein niedrigerer Index als der eingetragene ist ein Mangel.
Was bedeutet die zweite Zahl bei 102/100?
Das ist ein Reifen für leichte Nutzfahrzeuge. Die erste Zahl gilt bei Einzelbereifung, die zweite bei Zwillingsbereifung, bei der zwei Reifen nebeneinander laufen. Zwei Reifen tragen nicht doppelt so viel wie einer, weil sich die Last nie exakt gleich verteilt – deshalb ist die zweite Zahl kleiner.
Gilt die Tragfähigkeit auch bei zu wenig Luftdruck?
Nein, und das ist der wichtigste Satz dieser Seite. Die Kilogrammangabe gilt beim vorgeschriebenen Luftdruck. Fehlt Druck, sinkt die tatsächliche Tragfähigkeit, ohne dass sich am Reifen etwas ändert. Ein XL-Reifen ohne den dafür nötigen höheren Druck trägt nicht mehr als ein Standardreifen.
Wo steht, welchen Index mein Fahrzeug braucht?
In der Zulassungsbescheinigung Teil I, Feld 15.1 und 15.2, hinter der Größenangabe. Dort steht die vollständige Bezeichnung einschließlich Tragfähigkeits- und Geschwindigkeitsindex. Weitere freigegebene Kombinationen können in der CoC-Bescheinigung oder einem Gutachten stehen.