Tachoabweichung
Kaum ein Tacho zeigt die Geschwindigkeit, die gefahren wird – und das ist Absicht. Wer die Reifengröße ändert, verschiebt diesen eingebauten Vorhalt in die eine oder andere Richtung. Nur eine der beiden Richtungen ist heikel.
Der Tacho misst nicht die Straße
Ein Tachometer zählt Radumdrehungen und rechnet sie in Geschwindigkeit um. Dafür braucht er eine Annahme darüber, wie weit das Fahrzeug bei einer Umdrehung kommt – den Abrollumfang. Diese Annahme ist im Steuergerät hinterlegt und gilt für die ab Werk vorgesehene Reifengröße.
Ändert sich der Abrollumfang, stimmt die Annahme nicht mehr. Ein größerer Reifen legt je Umdrehung mehr Weg zurück, der Tacho rechnet aber weiter mit dem alten Wert und zeigt deshalb zu wenig. Ein kleinerer Reifen dreht öfter, und der Tacho zeigt zu viel.
Der eingebaute Vorhalt
Selbst mit den Originalreifen zeigt praktisch jeder Tacho mehr an, als gefahren wird. Das ist kein Fehler, sondern Vorschrift: Die Anzeige darf die tatsächliche Geschwindigkeit nie unterschreiten. Ein zulässiger Aufschlag nach oben ist ausdrücklich erlaubt.
Die Hersteller nutzen diesen Spielraum bewusst aus, denn der Reifen verändert sich im Betrieb: Ein abgefahrener Reifen hat einen kleineren Durchmesser als ein neuer, und ein warmer einen etwas größeren als ein kalter. Ohne Vorhalt könnte ein Fahrzeug mit frischen Reifen an einem kalten Morgen zu wenig anzeigen – und das wäre unzulässig.
Praktisch heißt das: Wer laut Tacho 100 fährt, fährt oft real 95 bis 97. Der Aufschlag ist bereits da, bevor die Reifengröße geändert wird.
Was ein Größenwechsel zusätzlich bewirkt
Die Rechnung ist einfach: Die tatsächliche Geschwindigkeit verhält sich zur angezeigten wie der neue Abrollumfang zum alten.
- Größerer Abrollumfang – der Tacho zeigt zu wenig. Der Vorhalt schrumpft, im Extremfall bis unter null.
- Kleinerer Abrollumfang – der Tacho zeigt noch mehr an als ohnehin. Unbedenklich, aber ungenauer.
- Gleicher Abrollumfang – nichts ändert sich, auch wenn Breite und Felgengröße völlig andere sind.
Der letzte Punkt ist der wichtigste und wird am häufigsten übersehen: Für den Tacho zählt allein der Abrollumfang. Ob dieser aus einer schmalen hohen oder einer breiten flachen Größe entsteht, ist ihm gleichgültig. Deshalb kann ein Wechsel von 16 auf 18 Zoll den Tacho völlig unberührt lassen, solange die Flanke entsprechend niedriger wird.
| Tacho zeigt | tatsächlich etwa | Unterschied |
|---|---|---|
| 50 km/h | 50,5 km/h | +0,5 km/h |
| 100 km/h | 101,0 km/h | +1,0 km/h |
| 130 km/h | 131,3 km/h | +1,3 km/h |
| 180 km/h | 181,8 km/h | +1,8 km/h |
Die Werte gelten für den reinen Größenunterschied, ohne den Vorhalt des Herstellers. In der Praxis wirken beide zusammen: Ein Prozent mehr Abrollumfang zehrt einen Teil des Vorhalts auf, kehrt ihn aber selten um.
Die übliche Toleranz
Als Faustwert gilt ein Bereich von etwa −2,5 bis +1,5 Prozent Abweichung im Abrollumfang. Die Grenze nach oben ist enger, weil in dieser Richtung der Vorhalt des Tachos verbraucht wird. Ein Reifen, der den Wagen langsamer erscheinen lässt, als er ist, ist das Problem – nicht umgekehrt.
Diese Werte sind eine Orientierung und keine Freigabe. Ob eine Größe gefahren werden darf, steht in den Fahrzeugpapieren, nicht in einer Prozentzahl.
Was der Wagen wirklich fährt, und woher man es weiß
Wer die tatsächliche Geschwindigkeit wissen will, misst den Weg über Grund. Ein GPS-Empfänger tut genau das und liegt damit näher an der Wahrheit als der Zeiger – mit zwei Einschränkungen: Bei schlechtem Empfang wird der Wert unruhig, und beim Beschleunigen hinkt er hinterher, weil er über eine kurze Strecke mittelt.
Für eine Kontrolle genügt das trotzdem. Auf gerader Strecke bei konstanter Geschwindigkeit zeigt der Vergleich beider Anzeigen den Aufschlag des Fahrzeugs recht deutlich – meist zwischen zwei und fünf Prozent, je nach Hersteller und Reifenzustand.
Der Kilometerzähler zählt mit
Was für die Geschwindigkeit gilt, gilt unverändert für die Strecke: Der Zähler zählt Radumdrehungen. Ein um ein Prozent größerer Abrollumfang bedeutet, dass nach 1.000 angezeigten Kilometern rund 1.010 gefahren wurden.
Über eine Fahrzeuglaufzeit summiert sich das. Bei 150.000 angezeigten Kilometern und dauerhaft ein Prozent Abweichung liegen rund 1.500 Kilometer Unterschied dazwischen – im Alltag ohne Bedeutung, beim Verkauf und bei Wartungsintervallen aber der Grund, warum Angaben nie auf den Kilometer genau sind.
Praktisch heißt das auch: Wer den Verbrauch aus getankten Litern und angezeigten Kilometern rechnet, rechnet mit demselben Fehler. Der Verbrauch fällt scheinbar höher aus, wenn der Zähler zu wenig zählt.
Die Grenze nach oben ist die enge
Warum die übliche Toleranz nicht symmetrisch ist – etwa −2,5 bis +1,5 Prozent –, folgt unmittelbar aus dem Vorhalt: In die eine Richtung ist Luft, in die andere nicht.
- Kleinerer Abrollumfang: Der Tacho zeigt noch mehr an. Der Vorhalt wächst, die Vorschrift bleibt eingehalten. Deshalb ist nach unten mehr erlaubt.
- Größerer Abrollumfang: Der Vorhalt schrumpft. Wird er aufgebraucht, zeigt der Tacho im ungünstigen Fall zu wenig – und das darf er nicht.
Dazu kommt, dass der Reifen im Laufe seines Lebens kleiner wird. Ein Fahrzeug, das mit neuen Reifen gerade noch im Rahmen liegt, wandert mit zunehmendem Verschleiß in die unkritische Richtung. Umgekehrt gilt: Wer mit abgefahrenen Reifen misst und knapp hinkommt, hat mit dem nächsten neuen Satz ein Problem.
Zwei Größen, ein Abrollumfang
Der praktisch wichtigste Satz zu diesem Thema lautet: Für den Tacho zählt nur der Abrollumfang. Breite, Felgengröße und Flankenhöhe dürfen sich beliebig ändern, solange ihr Ergebnis gleich bleibt.
Deshalb ist ein Wechsel von 16 auf 18 Zoll für den Tacho folgenlos, wenn die Flanke entsprechend niedriger ausfällt – der bekannte „Plus-Sizing"-Gedanke. Und deshalb ist umgekehrt ein Wechsel innerhalb derselben Felgengröße keineswegs harmlos: Von 205/55 R16 auf 225/55 R16 wächst der Durchmesser um 22 Millimeter, ohne dass sich an der Felge etwas geändert hätte.
Der Reifenrechner zeigt für jede Kombination die Abweichung in Prozent, die tatsächliche Geschwindigkeit bei einem eingegebenen Tachowert und den wirklich gefahrenen Kilometerstand.
Häufige Fragen
Warum zeigt der Tacho immer etwas zu viel an?
Weil er das muss. Die Vorschriften verlangen, dass ein Tachometer nie weniger anzeigen darf als die tatsächliche Geschwindigkeit. Damit das auch bei abgefahrenen Reifen und Fertigungsstreuung sicher eingehalten wird, legen die Hersteller einen Vorhalt ein. Zu wenig anzuzeigen wäre unzulässig, zu viel ist es nicht.
Zeigt der Bordcomputer die echte Geschwindigkeit?
Die Anzeige im Kombiinstrument unterliegt derselben Vorschrift wie der Zeiger und trägt denselben Vorhalt. Ein GPS-Wert kommt der tatsächlichen Geschwindigkeit näher, weil er den Weg über Grund misst und nicht die Radumdrehungen – bei schlechtem Empfang oder starker Beschleunigung ist er dafür träge.
Wird der Kilometerstand durch größere Reifen falsch?
Ja, im selben Verhältnis wie die Geschwindigkeit. Größere Reifen legen je Umdrehung mehr Weg zurück, der Zähler zählt aber Umdrehungen. Nach 1.000 angezeigten Kilometern sind mit einem um ein Prozent größeren Abrollumfang tatsächlich rund 1.010 Kilometer gefahren.
Muss die Abweichung bei einem Größenwechsel eingetragen werden?
Maßgeblich ist nicht die Tachoabweichung, sondern ob die Größe für das Fahrzeug freigegeben ist. Steht sie in den Fahrzeugpapieren oder in einer Unbedenklichkeitsbescheinigung, ist die Abweichung bereits berücksichtigt. Steht sie dort nicht, hilft auch ein günstiger Rechenwert nicht weiter.